Motivation und Ausgangssituation klären

Warum möchte ich promovieren und unter welchen Rahmenbedingungen?

Die Klärung Ihrer Motivation und Ihrer Ausgangssituation ist ein wichtiger erster Schritt für die Vorbereitung einer Promotion. Denn viele weitere Entscheidungen – z. B. an welcher Universität und bei welcher Betreuungsperson Sie promovieren möchten, welche Art der Promotionsfinanzierung für Sie in Frage kommt – hängen ganz entscheidend davon ab, welche Ziele Sie mit der Promotion verfolgen.

 

Warum promovieren?

Egal, ob es sich um das Thema Ihrer Abschlussarbeit (z. B. Masterarbeit) oder ein sonstiges für Sie besonders relevantes Forschungsfeld handelt, das Ihnen am Herzen liegt – mit der Erstellung Ihrer Promotion haben Sie gegebenenfalls die Möglichkeit, dieses Thema zu vertiefen, die Fragen, die Sie beschäftigen bzw. interessieren, weiter zu bearbeiten und zum*zur Expert*in in Ihrem Thema zu werden, um damit vielleicht auch zur Lösung eines drängenden wissenschaftlichen oder gesellschaftlichen Problems beizutragen.

Wenn für Sie das Interesse an einem bestimmten Thema die ausschlaggebende Motivation darstellt, können Ihnen die folgenden Reflexionsfragen  weiterhelfen:

  • Wer ist die beste Betreuungsperson und was ist die beste Universität/Hochschule für mich?
    Gibt es strukturierte Programme oder Verbundforschungsprojekte, die für mein Forschungsfeld relevant sein könnten?
  • Gibt es spezifische Finanzierungen für mein Themengebiet?
  • In welchem fachlichen (evtl. auch interdisziplinären) Kontext ist das Thema angesiedelt? In welchem Fach möchte/kann ich promovieren?
  • Habe ich die notwendigen formalen Voraussetzungen, um in diesem Fach zu promovieren? Welche Methodenkenntnisse brauche ich, welche fehlen mir noch und wie kann ich mir diese aneignen?
  • Was bedeutet mir das Thema?
Wissenschaft hat Sie im Studium fasziniert? Forscher*in oder Wissenschaftler*in ist für Sie ein interessantes Karriereziel? Dann liegen Sie mit einer Promotion genau richtig, denn mit Ausnahme genuiner Promotionsstellen erfordert ein großer Teil der wissenschaftlichen Tätigkeiten an Hochschulen und außerhochschulischen Forschungseinrichtungen eine Promotion. Auch im Wissenschaftsmanagement ist eine Promotion eine gern gesehene und oft sogar geforderte Qualifikation, ebenso bei Führungspositionen in außeruniversitären Einrichtungen wie Museen, Bildungseinrichtungen etc.

Die Promotion ermöglicht Ihnen, Ihre wissenschaftlichen Qualifikationen auszuweiten und mit einer Dissertation und einer anschließenden mündlichen Prüfung nachzuweisen, dass Sie zu selbständiger wissenschaftlicher Arbeit in der Lage sind. Allerdings bedeutet selbst eine exzellente Promotion nicht automatisch gute Chancen auf eine wissenschaftliche Karriere.

Aktuell gibt es im Bereich der Forschung und Lehre unterhalb der Professur im deutschsprachigen Raum nur wenige Dauerstellen an Hochschulen. Der Weg zur Professur führt entsprechend häufig über eine längere Phase der Statusunsicherheit, in der gleichzeitig hohes Engagement, oft auch hohe Flexibilität und Mobilität gefordert sind. Ob am Ende dieses Weges die realistische Chance auf eine Professur besteht, ist zu Beginn meist noch nicht absehbar, da dies von der Entwicklung Ihres Fachs, aber auch von hochschulpolitischen Weichenstellungen abhängt. Zurzeit wird in Deutschland versucht, mit Instrumenten wie der Tenure-track-Professur die Karrierewege nach der Promotion planbarer zu machen. Daneben bestehen aber traditionelle Karrierewege weiter fort, wie z. B. über eine Habilitation oder habilitationsäquivalente Leistungen.

Jedoch qualifiziert eine Promotion in den Geistes- und Sozialwissenschaften auch für eine Vielfalt von Tätigkeiten innerhalb und außerhalb der akademischen Welt. Daher kann es sich lohnen, sich bereits während der Promotion mit diesen verschiedenen Möglichkeiten zu beschäftigen und ggf. unterschiedliche Wege auszuprobieren – z. B. über unterschiedliche berufliche Erfahrungen, Praktika, Auslandsaufenthalte, selbständige Tätigkeiten…

Weitergehende Informations- und Beratungsmöglichkeiten

In der Wirtschaft, in der Verwaltung, in der Politik, bei Stiftungen und Medien, bei Kulturinstitutionen, Archiven und Museen – gerade in Deutschland treffen Sie auch außerhalb der Wissenschaft überall auf Menschen mit Doktorgrad, insbesondere in mittleren und oberen Führungspositionen.

Dennoch gibt es auf die Frage, ob sich ein Doktortitel auch für die außeruniversitäre Karriere lohnt, keine einfache und klare Antwort. Das hängt sehr stark von Ihrem Fach, von dem angestrebten Berufsziel, der Branche, aber auch von Ihren sonstigen persönlichen Lebensumständen ab. Die Verhältnisse in der Medizin – wo mit dem Berufsziel Arzt bzw. Ärztin immer noch sehr oft der Titel „Doktor*in“ assoziiert wird – oder in den Naturwissenschaften – wo der Doktor nicht selten ein notwendiges Qualifikationskriterium für eine Industriekarriere ist – können nicht unbesehen auf die Geistes- und Sozialwissenschaften übertragen werden. In den meisten Fällen sind neben der Dissertation noch andere Qualifikationen und Erfahrungen erforderlich, um nach der Promotion erfolgreich in den außeruniversitären Arbeitsmarkt zu wechseln.

Eine nebenberufliche Promotion kann den Vorteil haben, dass Sie schon während der Promotion wertvolle Berufserfahrung sammeln. Allerdings steht dann oft nur wenig Zeit für die Arbeit an der Dissertation zur Verfügung. Es sollte nämlich nicht sein, dass sämtliche Feierabend-, Wochenend- und Urlaubszeiten komplett für das Promotionsprojekt verplant werden. Daher ist eine realistische Zeitplanung wichtig.

Angebote zum Thema Mentale Gesundheit finden Sie bei der Psychotherapeutischen Beratungsstelle: individuelle Beratung und Kurzzeit-Psychotherapie, Kurse zu verschiedenen Themen (u. a. Aufschieben) sowie Online-Beratung bei Schreibproblemen

Einige geistes- und sozialwissenschaftliche Studiengänge führen zu einem relativ klar konturierten Berufsziel, z. B. Jurist*in, Lehrer*in, Psycholog*in. Die meisten aber führen zu einer großen Vielzahl von Möglichkeiten und die entsprechenden Arbeitsmärkte sind zwar vielfältig, aber auch recht unübersichtlich. Stellenausschreibungen für Berufseinsteiger*innen, die sich gezielt an Absolvent*innen eines bestimmten Faches richten, sind gerade in vielen geistes- und auch in einigen sozialwissenschaftlichen Fächern rar gesät. Warum also nicht erst einmal an der Universität bleiben, das vorhandene Forschungsinteresse weiter ausbauen, durch die Promotion zusätzliche Qualifikationen erwerben und dann mit einer besseren Ausgangsbasis auf dem Arbeitsmarkt starten?

Wenn Sie sich diese Fragen stellen, dann kann es sinnvoll sein, eine entsprechende Beratung in Anspruch zu nehmen, z. B. beim Career Service der JGU. Sie kann Ihnen helfen, Ihre Motivation zu klären, den möglichen Nutzen einer Promotion für Ihre weitere Karriereentwicklung abzuwägen, aber auch mögliche Alternativen ins Auge zu fassen, an die Sie vielleicht noch nicht gedacht haben.

Eine Promotion anzustreben, weil sich gerade keine konkreten Alternativen anbieten, davon ist in der Regel eher abzuraten.

Es ist absolut üblich, dass Hochschullehrer*innen oder andere Dozierende von sich aus auf fortgeschrittene Studierende zukommen und sie darauf ansprechen, ob sie Interesse an einer Promotion haben, ihnen evtl. auch eine Promotionsstelle anbieten, z.B. wenn Sie gute Leistungen in einer Lehrveranstaltung oder bei einer Abschlussarbeit erbracht haben oder sich als studentische oder wissenschaftliche Hilfskraft bewährt haben. Ein gutes Verhältnis und gegenseitige Wertschätzung zwischen dem*der Promovierenden und der Betreuungsperson sind essenziell und eine wesentliche Basis für eine erfolgreiche Promotion.

Ein solches Angebot bedeutet aber nicht, dass Sie andere Möglichkeiten vorschnell ausschließen sollten. Vielmehr sollten Sie Ihre Motivation zur Promotion, Ihre Erwartungen und die Rahmenbedingungen gründlich prüfen. Wenn Ihr Promotionswunsch feststeht, sollten Sie ebenso überlegen, wo Sie Ihr Vorhaben am besten realisieren können und welche Betreuungsperson(en) am besten für Ihr Projekt geeignet sind.

Das kann auch eine andere Universität/Hochschule (ggf. auch im Ausland) oder eine andere Betreuungsperson sein. Es lohnt sich also, sich über andere Möglichkeiten in Ihrem Fach und verwandten Disziplinen zu informieren und Fragen zu klären wie:

  • Welche Institute und welche Betreuungspersonen sind einschlägig ausgewiesen für das Thema, das Sie in Ihrer Dissertation behandeln und die Methode(n), die Sie anwenden möchten?
  • Wie ist die Betreuungsperson, die Sie ins Auge fassen, in der Scientific Community vernetzt?
  • Wie reiht sich das Thema, das Sie behandeln möchten, in die aktuellen wissenschaftlichen Debatten ein?

 

Und was spricht eventuell gegen eine Promotion?

Fast alle Promovierenden erleben im Verlauf der Arbeit an der Dissertation Durststrecken: das Thema muss angepasst werden, die Finanzierung ist problematisch, die Lebensumstände verändern sich, das soziale Umfeld fragt, wann man endlich fertig wird… Daher ist es sehr sinnvoll, sich von Anfang an mit möglichen Stolpersteinen der Promotionsmotivation auseinanderzusetzen und dann ganz bewusst die Entscheidung für oder gegen die Aufnahme einer Promotion zu treffen.

Tatsächlich gibt es bislang nur wenig zuverlässige Daten darüber, wie lange Promotionen in Deutschland im Durchschnitt dauern und wieviel Prozent der begonnenen Promotionsvorhaben überhaupt abgeschlossen werden. In strukturierten Promotionsprogrammen wird in der Regel eine Promotionsdauer von drei Jahren erwartet, die realen Promotionsdauern können in den Geistes- und Sozialwissenschaften aber durchaus länger ausfallen. Eine realistische Zeitplanung ist wichtig.
Gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften beginnen viele Promovierende die Arbeit an ihrem Dissertationsprojekt mit einer hohen intrinsischen Motivation, einer hohen Identifikation mit den Zielen der Wissenschaft und mit dem eigenen Promotionsthema. Oft werden bei der Definition der Forschungsfrage sehr weitreichende Ziele gesetzt. Während der Promotion stellt man häufig fest, dass die Bearbeitung des Themas sehr viel aufwendiger ist, als man vorher vermutet hatte. Die Forschungsfrage muss eingeengt, das Korpus verkleinert werden, und man stellt fest, dass man am Ende der Dissertation beileibe nicht alle Fragen beantwortet hat, die man sich selbst stellt.

Diese Erfahrungen sind kein Scheitern, sondern Teil der wissenschaftlichen Sozialisation und des Qualifikationsprozesses im Rahmen einer Promotion. In den Natur- und Lebenswissenschaften ist es absolut üblich, dass mehrere Promovierende einer Arbeitsgruppe an von außen gesehen relativ kleinen Teilproblemen arbeiten und gemeinsam wissenschaftlichen Fortschritt erzielen. In einigen Geistes- und Sozialwissenschaften herrscht aber immer noch das Bild des*der einsamen Gelehrten am Schreibtisch im Elfenbeinturm vor. Dabei gibt es für Sie – vor und neben der Publikation Ihrer Dissertation – viele Möglichkeiten, in die Wissenschaftsgemeinschaft und auch in die Gesellschaft hineinzuwirken. Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsvermittlung sowie der Transfer von Forschungsergebnissen in die Praxis werden inzwischen als „Third Mission“ der Universitäten und Forschungseinrichtungen angesehen. Vielleicht gibt es bei Ihrem Thema eine Verbindung zu Ihrer Berufspraxis oder Ihrem ehrenamtlichen Engagement? Vielleicht möchten Sie Ihre Ergebnisse in den Sozialen Medien oder in einem Blog vorstellen? Kürzere wissenschaftliche Artikel können oft mehr Aufmerksamkeit erzeugen als eine dickleibige Dissertation. Auch der Besuch von und die aktive Beteiligung an Konferenzen, Tagungen, Kongressen, Nachwuchstreffen können es Ihnen ermöglichen, die Relevanz Ihres Themas zu fokussieren und zu vermitteln.

Die Entscheidung für oder gegen eine Promotion in den Geistes- oder Sozialwissenschaften ist häufig eine Entscheidung auf der Grundlage hoher Unsicherheiten: Die Frage, wie viele dieser Unsicherheiten Sie eingehen möchten und wie wichtig Ihnen das Ziel Promotion im Verhältnis zu anderen Lebenszielen ist, lässt sich nicht mit rein wissenschaftlichen Argumenten beantworten. Vielmehr geht es hierbei auch um Ihre persönlichen Werte. Eine individuelle Beratung kann Ihnen helfen, herauszufinden, wie Sie Ihre Prioritäten setzen möchten.
Auch diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten, sondern hängt von Ihren individuellen Voraussetzungen und Zielen ab. Eine individuelle Beratung kann auch hier weiterhelfen.